Bernhard Marquart
Automatenstahl im CNC-Drehen: Der unter­schätzte Werkstoff
Marquart Academy · Materialien

11SMnPb30, 11SMn37, 9SMn28 – warum Automaten­stahl trotz Stahl-Krise erste Wahl bleibt.

Automatenstähle sind im Drehteile-Geschäft die Arbeitspferde. Wann welcher Werkstoff sinnvoll ist – und warum die bleifreie Variante 11SMn37 zunehmend Standard wird.

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Automatenstahl im CNC-Drehen: Der unter­schätzte Werkstoff

Automatenstähle bestimmen einen Großteil der Drehteile-Wirtschaftlichkeit. Hervorragende Zerspanbarkeit, niedriger Werkstoff­preis, gute mechanische Eigenschaften für nicht-korrosive Anwendungen – sie sind der Standard, wenn keine korrosiven oder besonderen Anforderungen vorliegen.

Die wichtigste Sorte ist 11SMnPb30 (Werkstoff-Nr. 1.0718), in der älteren Bezeichnung 9SMnPb28. Schwefel als Spanbrecher, Blei als zusätzlicher Spanbrecher. Sehr gute Zerspanbarkeit – auf gleicher Maschine 30–40 % schneller bearbeitbar als Vergütungs­stahl 42CrMo4. Niedriger Werkstoff­preis. Mechanische Festigkeit für nicht­tragende Bauteile ausreichend (Rm 380–530 MPa).

Mit den RoHS- und REACH-Richtlinien ist Blei in vielen Anwendungen problematisch geworden. Die bleifreie Alternative ist 11SMn37 (1.0736). Zerspanbarkeit etwa 10–15 % schlechter als die bleihaltige Variante, mechanische Eigenschaften vergleichbar. Wird zunehmend Standard, vor allem in Konzern­einkäufen.

Für Bauteile ohne Schwefel-Tolerierung gibt es 9SMnPb28 ohne Blei: 9SMn28 (1.0715). Praktisch identisch zu 11SMnPb30 ohne Blei – aber Schwefel bleibt. Für medizinische und lebensmittel­kontaktierende Bauteile selten geeignet.

Vergütungsstahl-Pendant: 42CrMo4 (Werkstoff-Nr. 1.7225) wird für mechanisch hochbelastete Bauteile eingesetzt. Schlechter zerspanbar (60–70 % Maschinen­zeit-Mehraufwand), aber Zugfestigkeit über 1.000 MPa nach Vergütung. Standard für Bolzen, Wellen, Achsen in mechanisch beanspruchten Anwendungen.

Praxis-Tipp aus 77 Jahren Drehteile-Fertigung: Pauschal-Spezifikation 'Vergütungsstahl' ist eine häufige Kostenfalle. In etwa 30–40 % der Fälle reicht ein Automatenstahl funktional aus – mit deutlichem Stückpreis-Vorteil. Werkstoff­wahl gemeinsam mit dem Fertiger besprechen spart oft mehr als nachträgliche Verhandlungen.

Korrosion ist die Achilles­ferse aller Automaten­stähle. Ohne Oberflächen­schutz (Brünierung, Verzinkung, Verchromung) sind sie in feuchten oder aggressiven Umgebungen schnell rostig. Bei korrosiven Anforderungen ist Edelstahl die richtige Wahl – kein günstiger Automatenstahl mit nachträglicher 'Vor-Ort-Pflege'.

Soll ein Drehteil eine harte, verschleißfeste Randschicht bei zähem Kern erhalten, kommen Einsatzstähle wie 16MnCr5 (1.7131) oder 20MnCr5 (1.7147) zum Einsatz. Diese Werkstoffe lassen sich im weichen, geglühten Zustand gut zerspanen; erst nach der mechanischen Fertigung folgt das Einsatzhärten, bei dem die Randzone auf etwa 0,3 bis 1,5 mm aufgekohlt und gehärtet wird. So entstehen Oberflächenhärten um 58 bis 62 HRC. Typische Anwendungen sind Bolzen, kleine Zahnräder, Wellen und Buchsen, die punktuell hohe Flächenpressung oder Reibung aushalten müssen.

Beim Korrosionsschutz stehen mehrere Verfahren zur Wahl. Brünieren erzeugt eine dünne, dekorative Oxidschicht von unter 1 µm und schützt nur in Verbindung mit Öl begrenzt. Galvanisches Verzinken mit Weiß- oder Gelbchromatierung bietet je nach Schichtdicke (typisch 5 bis 15 µm) deutlich mehr Schutz, Zink-Nickel hält Salzsprühtests über 720 Stunden stand. Verchromen dient bei Funktionsflächen dem Verschleißschutz. Bei hochfesten, gehärteten Teilen ist die Wasserstoffversprödung zu beachten; hier ist nach dem galvanischen Prozess ein Wasserstoffarmglühen zwingend einzuplanen.

Ob Automatenstahl ausreicht, hängt von der Belastung ab. Für nichttragende oder gering beanspruchte Teile genügt 11SMnPb30 oder 11SMn37 mit einer Zugfestigkeit um 380 bis 570 MPa. Sobald Bauteile dynamische Lasten, Biege- oder Torsionsmomente aufnehmen, ist ein Vergütungsstahl wie 42CrMo4 sinnvoll, der vergütet Zugfestigkeiten von 900 bis 1100 MPa erreicht. Sind hohe Oberflächenhärte bei zähem Kern und Dauerfestigkeit gefragt, etwa bei Verzahnungen, führt der Weg zum Einsatzstahl mit randgehärteter Zone um 60 HRC. Bitte geben Sie uns die Lastannahmen mit.

Regulatorisch geraten schwefel- und insbesondere bleihaltige Automatenstähle zunehmend unter Druck. Blei ist in REACH als besonders besorgniserregender Stoff gelistet, und auch im Rahmen der RoHS-Richtlinie wird der Spielraum enger. Deshalb fordern viele Konzerne bei Neuteilen bevorzugt den bleifreien 11SMn37 (1.0736). Ohne Blei verändern sich Spanbruch und Werkzeugstandzeit spürbar; die Späne werden länger, weshalb wir Schnittwerte und Spanbruchgeometrie anpassen. Als Alternativen kommen wismutlegierte Automatenstähle oder optimierte Zerspanungsstrategien infrage, die wir vorab mit Ihnen abstimmen.

Ein wichtiger Konstruktionshinweis betrifft die Schweißeignung. Die Zusätze, die Automatenstähle so gut zerspanbar machen, verschlechtern zugleich das Schweißverhalten erheblich: Schwefel und vor allem Blei führen zu Rissen und Poren in der Schweißnaht. Soll ein Drehteil später verschweißt werden, ist ein Automatenstahl die falsche Wahl. Dann sind schweißgeeignete Bau- oder Vergütungsstähle mit niedrigem Schwefelgehalt vorzuziehen. Teilen Sie uns geplante Schweißoperationen am Bauteil mit, damit wir den Werkstoff von vornherein passend wählen und spätere Fügeprobleme vermeiden.

Auf den Punkt

Die wichtigsten Erkenntnisse.

  • 0111SMnPb30 (1.0718) = Standard-Automatenstahl, beste Zerspanbarkeit, niedrigster Preis. Mit Blei.
  • 0211SMn37 (1.0736) = bleifreie Alternative, etwas teurer, vergleichbare Eigenschaften.
  • 0342CrMo4 (1.7225) = Vergütungsstahl für mechanisch hochbelastete Bauteile – nur dort einsetzen.
  • 04Pauschal-Spezifikation 'Vergütungs­stahl' kostet 30–40 % mehr als nötig – mit dem Fertiger besprechen.
  • 05Korrosions­empfindlich – ohne Oberflächen­schutz nicht in feuchter Umgebung einsetzen.
Häufige Fragen

FAQ zum Thema.

Welche Automaten­stähle haben Sie standardmäßig auf Lager?+
11SMnPb30 (1.0718) und 11SMn37 (1.0736) in gängigen Durchmessern bis Ø 42 mm. 9SMn28 und Vergütungs­stähle 42CrMo4 auf Bestellung mit Standard-Beschaffungs­zeit.
Können Sie Vergütungs­stahl-Bauteile härten lassen?+
Ja. Wir koordinieren externe Vergütung und Einsatz­härtung über etablierte Partner – inklusive Härteverlaufs-Dokumentation.
Wie korrosions­beständig sind Automaten­stähle?+
In trockener Innen­raum­anwendung gut. In feuchter Umgebung schnell rostig – immer mit Brünierung, Verzinkung oder anderer Oberflächen­schutz versehen.
Bleifreie Automaten­stähle – Aufpreis?+
11SMn37 ist etwa 5–10 % teurer im Werkstoff als 11SMnPb30. Effektive Stückpreis-Differenz oft 3–5 %, da die Maschinen­zeit ähnlich bleibt.
Eignen sich Automaten­stähle für tragende Bauteile?+
Eingeschränkt. Für sicherheits­relevante tragende Bauteile sollten Vergütungs­stähle (42CrMo4) oder Einsatz­stähle (16MnCr5) gewählt werden – die Festigkeit ist signifikant höher.
Können Sie Material­zeugnisse liefern?+
Ja. Werks­zeugnisse 2.2 sind Standard, Abnahme­prüfzeugnisse 3.1 nach DIN EN 10204 auf Anfrage. Bei Vergütungs­stählen ist 3.1 wegen der Wärme­behandlungs-Dokumentation üblich.
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