Bernhard Marquart
Erstmusterprüfung nach VDA 2: Was Einkäufer wissen müssen
Marquart Academy · Verfahren

EMPB Level 1, 2, 3 – Aufwand und Nutzen im Vergleich.

VDA 2 ist der De-facto-Standard für Erstmuster­prüfungen in der deutschen Industrie. Die drei Levels und wann welches.

Verfahren

Erstmusterprüfung nach VDA 2: Was Einkäufer wissen müssen

Die Erstmusterprüfung nach VDA 2 ist seit Jahren der De-facto-Standard in der deutschen Automotive- und Maschinenbau-Lieferanten­landschaft. Auch in Medizintechnik und Sondermaschinen­bau hat sie sich durchgesetzt. Dieser Artikel führt durch die drei Levels und gibt eine praktische Orientierung, wann welches Level sinnvoll ist.

Der Zweck der Erstmuster­prüfung ist klar: Vor Serienanlauf wird in einem dokumentierten Verfahren nachgewiesen, dass das Bauteil die spezifizierten Anforderungen erfüllt. Der EMPB (Erstmuster­prüfbericht) ist die offizielle Dokumentation – er wird vom Lieferanten erstellt und vom Kunden freigegeben.

VDA 2 unterscheidet drei Levels, je nach Kritikalität des Bauteils. Level 1 ist die einfachste Variante: ein Sichtmuster mit Bestätigung der wesentlichen Maße. Wird bei einfachen Standard-Bauteilen genutzt, bei denen das technische Risiko gering ist. Aufwand: minimal, oft im laufenden Serien­start integriert.

Level 2 ist die Standard-Variante für funktionale Bauteile. Hier werden alle bemaßten Maße der Zeichnung dokumentiert geprüft, Form- und Lage­toleranzen verifiziert und ein Werkstoff­nachweis (3.1-Zeugnis) beigelegt. Aufwand: etwa 4–8 Stunden Prüf­zeit, je nach Bauteilkomplexität. Standard für die meisten Industrie-Anwendungen.

Level 3 ist die ausführliche Variante für kritische Bauteile. Zusätzlich zu Level 2 werden zerstörende Prüfungen (Härteprüfung an Schliff, gegebenenfalls Zerreiß­versuch), Funktionsprüfungen (z.B. Dichtheits­test, Druckprüfung), und externe Sachverständigen-Bestätigungen integriert. Aufwand: 8–20 Stunden, manchmal mehrere Wochen Durchlaufzeit. Standard für sicherheits­relevante Bauteile, Implantat-Komponenten, Hochleistungs-Anwendungen.

Die Wahl des Levels ist Verhandlungs­sache zwischen Lieferant und Kunde – und sie hat eine direkte Kostendimension. Level 2 wird in der Regel im Stückpreis des Erstmusters mitkalkuliert (kein separater Posten). Level 3 hingegen wird oft als separater Posten ausgewiesen, weil der Aufwand signifikant ist.

Aus 77 Jahren Praxis: Die häufigste Fehlerquelle bei Erstmuster­prozessen ist nicht die Bauteilqualität, sondern die Spezifikation. Wenn Konstruktion und Einkauf nicht einig sind, welches Maß funktional kritisch ist, prüfen wir Maße, die niemanden interessieren – und versäumen es ggf., Funktions­kritisches zu betonen. Eine gute Erstmuster­besprechung zwischen Kunde und Lieferant vor Beginn klärt: Welche Maße sind funktional? Welche Toleranzen sind kritisch? Welche Prüfungen sind nachzuweisen? Das spart Aufwand und Reklamations­risiko.

Eine Erstmusterprüfung ist kein einmaliger Vorgang, sondern wird durch klar definierte Ereignisse erneut erzwungen. Eine Requalifikation wird unter anderem fällig bei einem Werkstoffwechsel (etwa Umstellung von 1.4305 auf 1.4404), bei einer Werkzeug- oder Prozessänderung, bei einer neuen Materialcharge mit abweichendem Lieferzeugnis, bei Verlagerung der Fertigung auf eine andere Maschine oder einen anderen Standort sowie nach einer längeren Fertigungsunterbrechung. In all diesen Fällen ist nicht mehr gesichert, dass das ursprünglich freigegebene Ergebnis weiterhin reproduzierbar erreicht wird.

Ein Erstmusterprüfbericht ist immer nur so belastbar wie die eingesetzten Prüfmittel. Vor jeder Bemusterung gehört deshalb die Messmittelfähigkeit nachgewiesen: kalibrierte Messmittel mit gültigem Kalibrierschein und eine dokumentierte Messsystemanalyse (MSA). Gerade bei engen Toleranzen wie IT6 oder reproduzierbaren Oberflächen von Ra 0,4 entscheidet die Streuung des Messprozesses darüber, ob ein Maß sicher beurteilt werden kann. Ohne fähiges Prüfmittel liefert ein EMPB scheinbar präzise Zahlen, deren Aussagekraft jedoch nicht abgesichert ist und im Reklamationsfall nicht standhält.

Den Bemusterungsumfang sollten Sie vor der Fertigung sauber abstimmen. Grundlage ist eine vollständige Merkmalsliste, in der alle charakteristischen Merkmale aus Zeichnung und Spezifikation erfasst und nummeriert sind. Besondere Merkmale wie Sicherheits- und Funktionsmerkmale werden gesondert gekennzeichnet, da sie einen höheren Prüf- und Dokumentationsaufwand erfordern, etwa eine erweiterte Stichprobe oder einen Fähigkeitsnachweis. So fließt der Prüfaufwand gezielt dorthin, wo er wirklich gebraucht wird, statt unkritische Maße im gleichen Umfang zu dokumentieren wie funktionsentscheidende.

Auch Übermittlung und Archivierung gehören zum Erstmusterprozess. Strukturierte Berichte nach VDA 2, idealerweise digital übermittelt, lassen sich beim Abnehmer schneller prüfen und freigeben als unsortierte Einzelnachweise. Die Erstmusterunterlagen sind über die vereinbarte Aufbewahrungsfrist nachvollziehbar zu archivieren, gemeinsam mit Materialzeugnissen nach DIN EN 10204 und der Chargenrückverfolgung. Eine saubere EMPB-Historie entschärft spätere Reklamationen erheblich: Bei einer Beanstandung lässt sich belegen, welcher Stand wann und auf welcher Datenbasis freigegeben wurde, statt im Nachhinein Annahmen treffen zu müssen.

Auf den Punkt

Die wichtigsten Erkenntnisse.

  • 01VDA 2 Level 1 = Sichtmuster, wesentliche Maße. Einfache Standard­bauteile.
  • 02VDA 2 Level 2 = volle Maß­prüfung, 3.1-Zeugnis. Standard für funktionale Bauteile.
  • 03VDA 2 Level 3 = zerstörende Prüfung + Funktions­prüfung + externe Bestätigung. Sicherheits­kritische Bauteile.
  • 04Klare Funktions-/Kritikalitäts­einstufung vor Erstmuster­start reduziert Aufwand und Reklamationsrisiko.
  • 05Level 3 wird oft separat kalkuliert – im Erstgespräch ansprechen, nicht überraschen lassen.
Häufige Fragen

FAQ zum Thema.

Welches VDA-2-Level ist bei Marquart Standard?+
Wenn nichts vereinbart wird, fertigen wir Erstmuster nach VDA 2 Level 2. Level 3 explizit auf Anfrage.
Wie lange dauert eine Erstmuster­prüfung?+
Level 2 typisch 5–10 Arbeitstage nach Eingang der Erstmuster im Prüfraum. Level 3 abhängig von externen Prüfungen, oft 10–20 Arbeitstage.
Liefern Sie auch PPAP-Dokumentation?+
Ja, PPAP-äquivalente Dokumentation auf Anfrage. In der Regel auf Basis VDA 2 mit zusätzlichen US-spezifischen Dokumenten.
Wie viele Erstmuster sind üblicherweise zu prüfen?+
Standard sind 5 Stück. Bei kritischen Bauteilen oder spezifischen Kunden­anforderungen auch 10 oder mehr. Wir besprechen das im Erstgespräch.
Was kostet ein EMPB Level 3?+
Abhängig vom Bauteil und den geforderten Prüfungen. Typisch 200–800 € separater Aufwand für Level-3-Prüfung gegenüber Level 2 – wir kalkulieren das transparent im Angebot.
Sind Sie nach ISO 13485 (Medizintechnik) zertifiziert?+
Nein, aktuell nur DIN EN ISO 9001:2015. Für nicht-implantatführende medizintechnische Bauteile in den meisten Fällen ausreichend. Für ISO-13485-Anforderungen sprechen Sie uns gezielt an – wir klären die Spezifika individuell.
Kontakt

Ihre Zeichnung bei uns auf dem Tisch.

Wir prüfen Machbarkeit, schlagen Optimierungen vor und melden uns binnen 48 Stunden mit einer ersten Einschätzung.