
EMPB Level 1, 2, 3 – Aufwand und Nutzen im Vergleich.
VDA 2 ist der De-facto-Standard für Erstmusterprüfungen in der deutschen Industrie. Die drei Levels und wann welches.
Erstmusterprüfung nach VDA 2: Was Einkäufer wissen müssen
Die Erstmusterprüfung nach VDA 2 ist seit Jahren der De-facto-Standard in der deutschen Automotive- und Maschinenbau-Lieferantenlandschaft. Auch in Medizintechnik und Sondermaschinenbau hat sie sich durchgesetzt. Dieser Artikel führt durch die drei Levels und gibt eine praktische Orientierung, wann welches Level sinnvoll ist.
Der Zweck der Erstmusterprüfung ist klar: Vor Serienanlauf wird in einem dokumentierten Verfahren nachgewiesen, dass das Bauteil die spezifizierten Anforderungen erfüllt. Der EMPB (Erstmusterprüfbericht) ist die offizielle Dokumentation – er wird vom Lieferanten erstellt und vom Kunden freigegeben.
VDA 2 unterscheidet drei Levels, je nach Kritikalität des Bauteils. Level 1 ist die einfachste Variante: ein Sichtmuster mit Bestätigung der wesentlichen Maße. Wird bei einfachen Standard-Bauteilen genutzt, bei denen das technische Risiko gering ist. Aufwand: minimal, oft im laufenden Serienstart integriert.
Level 2 ist die Standard-Variante für funktionale Bauteile. Hier werden alle bemaßten Maße der Zeichnung dokumentiert geprüft, Form- und Lagetoleranzen verifiziert und ein Werkstoffnachweis (3.1-Zeugnis) beigelegt. Aufwand: etwa 4–8 Stunden Prüfzeit, je nach Bauteilkomplexität. Standard für die meisten Industrie-Anwendungen.
Level 3 ist die ausführliche Variante für kritische Bauteile. Zusätzlich zu Level 2 werden zerstörende Prüfungen (Härteprüfung an Schliff, gegebenenfalls Zerreißversuch), Funktionsprüfungen (z.B. Dichtheitstest, Druckprüfung), und externe Sachverständigen-Bestätigungen integriert. Aufwand: 8–20 Stunden, manchmal mehrere Wochen Durchlaufzeit. Standard für sicherheitsrelevante Bauteile, Implantat-Komponenten, Hochleistungs-Anwendungen.
Die Wahl des Levels ist Verhandlungssache zwischen Lieferant und Kunde – und sie hat eine direkte Kostendimension. Level 2 wird in der Regel im Stückpreis des Erstmusters mitkalkuliert (kein separater Posten). Level 3 hingegen wird oft als separater Posten ausgewiesen, weil der Aufwand signifikant ist.
Aus 77 Jahren Praxis: Die häufigste Fehlerquelle bei Erstmusterprozessen ist nicht die Bauteilqualität, sondern die Spezifikation. Wenn Konstruktion und Einkauf nicht einig sind, welches Maß funktional kritisch ist, prüfen wir Maße, die niemanden interessieren – und versäumen es ggf., Funktionskritisches zu betonen. Eine gute Erstmusterbesprechung zwischen Kunde und Lieferant vor Beginn klärt: Welche Maße sind funktional? Welche Toleranzen sind kritisch? Welche Prüfungen sind nachzuweisen? Das spart Aufwand und Reklamationsrisiko.
Eine Erstmusterprüfung ist kein einmaliger Vorgang, sondern wird durch klar definierte Ereignisse erneut erzwungen. Eine Requalifikation wird unter anderem fällig bei einem Werkstoffwechsel (etwa Umstellung von 1.4305 auf 1.4404), bei einer Werkzeug- oder Prozessänderung, bei einer neuen Materialcharge mit abweichendem Lieferzeugnis, bei Verlagerung der Fertigung auf eine andere Maschine oder einen anderen Standort sowie nach einer längeren Fertigungsunterbrechung. In all diesen Fällen ist nicht mehr gesichert, dass das ursprünglich freigegebene Ergebnis weiterhin reproduzierbar erreicht wird.
Ein Erstmusterprüfbericht ist immer nur so belastbar wie die eingesetzten Prüfmittel. Vor jeder Bemusterung gehört deshalb die Messmittelfähigkeit nachgewiesen: kalibrierte Messmittel mit gültigem Kalibrierschein und eine dokumentierte Messsystemanalyse (MSA). Gerade bei engen Toleranzen wie IT6 oder reproduzierbaren Oberflächen von Ra 0,4 entscheidet die Streuung des Messprozesses darüber, ob ein Maß sicher beurteilt werden kann. Ohne fähiges Prüfmittel liefert ein EMPB scheinbar präzise Zahlen, deren Aussagekraft jedoch nicht abgesichert ist und im Reklamationsfall nicht standhält.
Den Bemusterungsumfang sollten Sie vor der Fertigung sauber abstimmen. Grundlage ist eine vollständige Merkmalsliste, in der alle charakteristischen Merkmale aus Zeichnung und Spezifikation erfasst und nummeriert sind. Besondere Merkmale wie Sicherheits- und Funktionsmerkmale werden gesondert gekennzeichnet, da sie einen höheren Prüf- und Dokumentationsaufwand erfordern, etwa eine erweiterte Stichprobe oder einen Fähigkeitsnachweis. So fließt der Prüfaufwand gezielt dorthin, wo er wirklich gebraucht wird, statt unkritische Maße im gleichen Umfang zu dokumentieren wie funktionsentscheidende.
Auch Übermittlung und Archivierung gehören zum Erstmusterprozess. Strukturierte Berichte nach VDA 2, idealerweise digital übermittelt, lassen sich beim Abnehmer schneller prüfen und freigeben als unsortierte Einzelnachweise. Die Erstmusterunterlagen sind über die vereinbarte Aufbewahrungsfrist nachvollziehbar zu archivieren, gemeinsam mit Materialzeugnissen nach DIN EN 10204 und der Chargenrückverfolgung. Eine saubere EMPB-Historie entschärft spätere Reklamationen erheblich: Bei einer Beanstandung lässt sich belegen, welcher Stand wann und auf welcher Datenbasis freigegeben wurde, statt im Nachhinein Annahmen treffen zu müssen.
Die wichtigsten Erkenntnisse.
- 01VDA 2 Level 1 = Sichtmuster, wesentliche Maße. Einfache Standardbauteile.
- 02VDA 2 Level 2 = volle Maßprüfung, 3.1-Zeugnis. Standard für funktionale Bauteile.
- 03VDA 2 Level 3 = zerstörende Prüfung + Funktionsprüfung + externe Bestätigung. Sicherheitskritische Bauteile.
- 04Klare Funktions-/Kritikalitätseinstufung vor Erstmusterstart reduziert Aufwand und Reklamationsrisiko.
- 05Level 3 wird oft separat kalkuliert – im Erstgespräch ansprechen, nicht überraschen lassen.
FAQ zum Thema.
Welches VDA-2-Level ist bei Marquart Standard?+
Wie lange dauert eine Erstmusterprüfung?+
Liefern Sie auch PPAP-Dokumentation?+
Wie viele Erstmuster sind üblicherweise zu prüfen?+
Was kostet ein EMPB Level 3?+
Sind Sie nach ISO 13485 (Medizintechnik) zertifiziert?+
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