
Material, Maschinenzeit, Rüstkosten, Prüfung – wo die Hebel liegen.
Material, Maschinenzeit, Rüstkosten, Prüfung – wir zerlegen die Kalkulation Schritt für Schritt und zeigen, wo Sie als Einkäufer Hebel haben.
Was kostet ein CNC-Drehteil wirklich? Die Kalkulation zerlegt
Wer einen Drehteile-Lieferanten ohne Verständnis der Kalkulationslogik anfragt, verschenkt regelmäßig Geld – entweder weil er zu billige Angebote akzeptiert (die später platzen) oder zu teure (weil er nicht weiß, wo verhandelt werden kann). Dieser Artikel ist die Innensicht aus einer CNC-Lohndreherei mit 77 Jahren Praxis.
Ein typischer CNC-Drehteile-Stückpreis setzt sich aus fünf Positionen zusammen: Materialkosten, Maschinenstunden, Rüstkosten, Prüfung/Dokumentation und Gemeinkosten/Marge. Die Anteile schwanken stark je nach Bauteil und Stückzahl – aber das Schema bleibt gleich.
Materialkosten: Bei Seriendrehteilen typischerweise 20–40 Prozent des Stückpreises. Bei teuren Sonderwerkstoffen (Titan, hochleitende Kupferlegierungen) auch 60 Prozent. Wichtig: Die Materialkosten beinhalten den Abschnitt-Verschnitt – bei Langdrehteilen fallen rund 10–25 Prozent Span an, der zwar als Schrotterlös teilweise rückvergütet wird, aber netto kostet. Wer auf der Zeichnung zu großzügige Materialzugaben fordert, zahlt das mit.
Maschinenstunden: Bei guten Langdrehserien zwischen 25 und 50 Prozent des Stückpreises. Hier entscheidet die Bearbeitungszeit pro Stück – Länge der Bearbeitung, Anzahl der Werkzeuge, Drehzahlen, Vorschübe. Komplexere Geometrien verdoppeln oder verdreifachen die Bearbeitungszeit ohne dass das Bauteil für den Kunden mehr Funktion liefert. Hier liegt der größte Hebel der Konstruktion.
Rüstkosten: Sind ein Fixblock, der auf die Serie umgelegt wird. Eine Rüstzeit von 4–6 Stunden ist auf einem Langdrehautomaten realistisch (Werkzeuge bestücken, Programm prüfen, Erstmuster fahren, freigeben). Bei einer Losgröße von 100 Stück: 6 Stunden ÷ 100 = 3,6 Minuten Rüstzeit pro Stück. Bei einer Losgröße von 10.000 Stück: 6 Stunden ÷ 10.000 = 2,2 Sekunden pro Stück. Daher der enorme Stückpreis-Unterschied zwischen Klein- und Großserie.
Prüfung und Dokumentation: 5–15 Prozent typisch. Bei einfachen Bauteilen mit Stichprobenprüfung am unteren Ende. Bei EMPB nach VDA 2 Level 3, dokumentierter 100%-Prüfung kritischer Maße und externen Sachverständigenprüfungen am oberen Ende. Wer dokumentierte Qualität fordert, zahlt sie auch – das ist legitim, aber sollte transparent ausgewiesen sein.
Gemeinkosten/Marge: 10–25 Prozent. Hier sitzen Verwaltung, Vertrieb, Werksoverhead, Maschinen-Wartung und natürlich der unternehmerische Gewinn. Bei einem mittelständischen CNC-Drehteile-Lieferanten in Deutschland ist diese Position transparent kalkulierbar – wenn ein Lieferant deutlich unter dem üblichen Niveau bietet, fehlt entweder Marge (= unsicher) oder Qualität (= teuer in der Folge).
Praktische Hebel für Einkäufer und Konstrukteure: 1) Toleranzen prüfen (siehe separater Artikel). 2) Werkstoffwahl hinterfragen (siehe separater Artikel). 3) Losgröße optimieren – manchmal lohnt es sich, eine Quartal- statt Monatsbestellung zu fahren, weil sich die Rüstkosten besser verteilen. 4) Mehrere Bauteile beim gleichen Lieferanten bündeln – das reduziert Rüstaufwand und administrative Kosten. 5) Bei Stammkunden Konsignationslagermodelle prüfen – das senkt die Logistikkosten beim Einkäufer und erlaubt dem Lieferanten effizientere Planung.
Einmalkosten gehören sauber vom Stückpreis getrennt. CAM-Programmierung, der Bau von Vorrichtungen und Spannmitteln sowie der Erstmusteraufwand (EMPB nach VDA 2) fallen nur einmal an, unabhängig von der späteren Losgröße. Versteckt man diese 300 bis 2.000 Euro anteilig im Stückpreis, verzerrt das jede Folgekalkulation und benachteiligt Nachbestellungen. Wir weisen den Anlauf deshalb als separate Einmalposition aus. So bleibt der Stückpreis bei Wiederholaufträgen stabil, und Sie sehen transparent, welcher Aufwand der Vorbereitung und welcher der eigentlichen Fertigung zuzurechnen ist.
Werkstoffpreise schwanken erheblich. Edelstahl wie 1.4404 hängt an den Nickel- und Molybdän-Notierungen, Buntmetalle wie Messing CuZn39Pb3 an den Kupferkursen der Metallbörsen; Ausschläge von 10 bis 30 Prozent innerhalb eines Jahres sind keine Seltenheit. Bei Rahmenverträgen über längere Laufzeit bilden wir das fair über einen Materialteuerungszuschlag oder eine Indexbindung ab: Der Bearbeitungsanteil bleibt fest, nur der Materialanteil gleitet anhand einer offengelegten Notierung. Das schützt beide Seiten vor Spekulation und macht Preisanpassungen nachvollziehbar statt pauschal.
Einige Nebenkosten übersehen Einkäufer regelmäßig. Verpackung und Konservierung (etwa Ölen oder VCI-Schutz gegen Korrosion bei 1.4404) kosten je nach Vorgabe einige Cent bis Euro pro Teil. Hinzu kommen Mindermengenzuschläge, wenn ein Los die wirtschaftliche Rüstschwelle unterschreitet, sowie Logistik und gegebenenfalls Sonderwerkzeuge. Gerade bei sehr kleinen Serien unter 50 Stück schlagen Werkzeug- und Einrichtkosten pro Teil stark durch und können den reinen Bearbeitungspreis übersteigen. Wir benennen diese Posten im Angebot offen, damit Sie die Gesamtkosten und nicht nur den nominellen Stückpreis vergleichen.
Die wichtigsten Erkenntnisse.
- 01Stückpreis = Material + Maschinenstunden + Rüstkosten/Stück + Prüfung + Gemeinkosten/Marge.
- 02Rüstkosten verteilen sich auf die Losgröße – größere Lose drücken den Stückpreis signifikant.
- 03Bearbeitungszeit pro Stück ist der größte Hebel der Konstruktion – komplexe Geometrien verdoppeln den Maschinenanteil.
- 04Materialwahl und Toleranzen sind weitere große Hebel (siehe Schwesterartikel).
- 05Verdächtig billige Angebote sind meist später Reklamationsfälle – seriöse Kalkulation ist transparent und vergleichbar.
FAQ zum Thema.
Können Sie eine Stückpreis-Aufschlüsselung im Angebot ausweisen?+
Ab welcher Stückzahl wird es wirtschaftlich?+
Wie wirkt sich eine Losgrößenänderung auf den Stückpreis aus?+
Wie hoch ist Ihre typische Marge?+
Können wir mehrere Bauteile bündeln um Rüstkosten zu sparen?+
Bieten Sie Konsignationslager?+
Ihre Zeichnung bei uns auf dem Tisch.
Wir prüfen Machbarkeit, schlagen Optimierungen vor und melden uns binnen 48 Stunden mit einer ersten Einschätzung.